Ein einziger Scherbenhaufen
Nach zehn Jahren Ehe, stehen K & H vor einem Scherbenhaufen. In diesem bewegenden Bericht erzählen sie ihre Geschichte des Zerbruchs und wie sie als Paar wieder zueinander gefunden haben.
Was ist im Jahr 2017 passiert?
K: Das Jahr 2017 war für unsere Ehe ein einziger Scherbenhaufen. Wir hatten ein sehr schwieriges Jahr hinter uns, ein ewiges Auf und Ab der Gefühle und rationalen Entscheidungen, an der Ehe festzuhalten. Dann wieder der Wunsch wegzulaufen, aufzugeben, eine Paarberatung… es war ein grosses Chaos. Wir standen eigentlich schon vor der Scheidung.
Zusätzlich hatte ich mich in einen anderen Mann verliebt, der sich als sehr manipulativ entpuppte und unsere Ehe schlechtredete. Ich fand es schwer, zwischen Lüge und Wahrheit zu unterscheiden. Letztendlich brach ich unter diesen Umständen fast nervlich zusammen. Grosse Identitätskonflikte, die sich nun noch stärker bemerkbar machten, sowie die starke Prägung, wie eine perfekte Ehe und Familie auszusehen hat, führten zu Schuldgefühlen, Scham und einem Gottesbild von einem strafenden Gott.
In dieser Zeit lernte ich die Stiftung Casa Immanuel und ihre Denkweise kennen. Menschen, die mich und meine Bedürfnisse ernst nahmen – was nicht hiess, dass alles gutgeheissen wurde – und mir Eigenverantwortung beibrachten. Ich entschloss mich, auszuziehen und eine eigene Wohnung zu nehmen, um von allem Abstand zu gewinnen und mich zu sortieren. Ganz wichtig war mir dabei, meine Beziehung zu Gott neu zu definieren und mich selbst mehr und mehr in seinem Licht zu sehen, trotz all meiner Fehler, als seine geliebte Tochter.
H: Die Situation 2017 überforderte mich komplett und zog mir den Boden unter den Füssen weg. Ich war blind für viele Anzeichen, die es gab, und die Situation überraschte mich sehr. Mein Vertrauen war zerstört, ich war wütend und schockiert. Mir war klar, dass in unserer Beziehung nicht alles zum Besten stand, aber dass es so schlimm war, hätte ich in meinen schlimmsten Träumen nicht erwartet. Als meine Frau ausgezogen war, stand ich allein da und fragte mich: "Und jetzt, was wird aus mir? Was soll ich jetzt machen?"
Wie ging es euch da drin, welche ersten Konsequenzen habt ihr daraus gezogen und warum?
H: Ich sah das Problem viel mehr bei meiner Frau als bei mir selbst. Schliesslich war ich ja immer so ausgeglichen und hatte beide Beine fest im Leben. Trotzdem liess ich mich überreden, eine psychologische Beratung in Anspruch zu nehmen. Das war für mich zuvor undenkbar – "brauche ich ja nicht, ich bin selber gross".
Es war ein wichtiger und hilfreicher Schritt, und ich bereue, dass ich mich nicht schon früher coachen liess. Der Psychologe hat mir sehr klar den Spiegel vorgehalten und mir geholfen, sowohl in der akuten Situation als auch bei der Aufarbeitung von schlechten Prägungen und Lebenslügen. Mein Job war eine gute Ablenkung, um nicht im Selbstmitleid zu versinken. Und im Kampfsporttraining musste wohl der eine oder andere härtere Schläge einstecken, als fair gewesen wäre.
K: Für mich war es eine Erleichterung, allein zu wohnen, auch wenn ich plötzlich mit unserem dreijährigen Sohn auf mich allein gestellt war. Meine Eltern und mein Umfeld verstanden meine Schritte überhaupt nicht. Ich hatte endlich wieder Luft zum Atmen. Ich nutzte die Zeit, um mich ganz auf meine neue Gottesbeziehung zu konzentrieren. Mit enger Unterstützung der Casa Immanuel, Lebensberatungsgesprächen, einem Resilienzkurs und einigen Wochenendkursen durfte ich immer mehr erkennen, wer ich bin, was ich mir wünsche und dies auch glauben und aussprechen.
Wie kam es, dass du, K, doch wieder in Erwägung gezogen hast, der Beziehung eine Chance zu geben? Wie bist du, H, damit umgegangen und was habt ihr dann gemacht, damit Annäherungen stattfinden konnten?
K: Wegen unseres dreijährigen Sohnes mussten mein Mann und ich immer in Kontakt bleiben. Ich sah allmählich, wie sich auch mein Mann veränderte: Er hörte zu, begann über seine Gefühle zu reden, kümmerte sich um unseren Sohn, nahm sich selbst wahr und hielt immer an unserer Ehe fest. Das bewegte mich tief im Inneren, und so schlossen sich meine Herzenstüren wohl nie ganz.
Im Frühling 2018 meldeten wir uns für einen Symbiose-Kurs an (Thema «Ungesunde Abhängigkeit in Beziehungen», Anm. Casa Immanuel), immer noch als getrenntes Paar. H. sagte, es sei so oder so wichtig, dass wir miteinander kommunizieren können, ob wir nun getrennte Wege gehen oder nicht. Das war sehr gut. So hatten wir immer mehr eine gemeinsame Basis in Gesprächen, und die gefühlt grosse Distanz zwischen uns wurde immer kleiner.
Die grösste Wendung und Chance für die Ehe gab mir meine neue Beziehung zu Gott. Ich baute ein Vertrauen auf, dass Gottes Wege gut sind und dass seine Idee eine geheilte Ehe ist und nicht die Trennung. So liess ich mich an Gottes Hand auf das Abenteuer "Ehe – jetzt nochmal neu und gut" ein, mit weichen Knien, aber viel Vertrauen.
H: Für mich war immer klar, dass ich keine andere Frau will. Ich wollte am Ehebund festhalten, auch wenn ich keine Ahnung hatte, wie das möglich sein kann. Es kam die Zeit des Loslassens, als K. auszog. Trotzdem hatten wir bei der Übergabe unseres Sohnes regelmässig sehr tiefgründige und klärende Gespräche. Da ich in der Zwischenzeit gelernt hatte, auch meine Herzensthemen auszusprechen, half es meiner Frau, mich besser zu verstehen. Die Verbundenheit zwischen uns war irgendwie immer ein wenig da und durfte wieder wachsen.
Was waren die entscheidenden Schritte und Klärungen, dass ihr wieder zusammenziehen konntet/wolltet?
H: Für meine Frau war von Anfang an klar, dass die Trennung auch endgültig sein kann. Das war zwar immer schwierig für mich, trotzdem setzte ich keinerlei Druck auf. Die gemeinsamen Kurse im Casa Immanuel waren eine wichtige Basis. Entscheidend war, dass wir uns gegenseitig unsere Bedürfnisse und Wünsche – nicht Erwartungen – mitteilen konnten.
Nach gemeinsamen Ferien in der Toskana – die so schlimm waren, da es die ganze Woche jeden Tag regnete – entschied sich meine Frau, wieder in unsere gemeinsame Wohnung zu ziehen. Sie meinte scherzhaft, schlimmer als diese Ferien kann es ja nicht werden. Zuerst kam sie nur tageweise und nach einiger Zeit dauerhaft.
Wie habt ihr das erneute Zusammenziehen erlebt?
K: In den ersten Wochen und Monaten war es ein gegenseitiges Herantasten und sich wieder aneinander gewöhnen. Manchmal waren wir voller Freude und Mut, dann wieder gab es Tage, an denen Tränen durch aufgerissene Wunden flossen oder Ängste hochkamen. Die Corona-Home-Office-Zeit tat unserer Beziehung, nach anfänglicher Befürchtung vor Einengung, sehr gut. Wir genossen die gemeinsame Zeit und konnten durch gemeinsame Erlebnisse wieder zusammenwachsen.

Ihr konntet ja schon früher miteinander reden, doch das scheint nicht der Grund für die Trennung gewesen zu sein. Wie erklärt ihr euch den Unterschied zu heute? Was hat sich in eurer Kommunikation verändert und warum?
K & H: Durch unseren Zerbruch mussten wir wohl oder übel an unsere Kern- und Wurzelthemen. Zum Glück durften wir das in Begleitung und beide auf ähnliche Art und Weise tun, durch Kurse, Lebensberatung, Bücher über Kommunikation, Podcasts usw. Wir haben erst jetzt wirklich erkannt, was es bedeutet:
• Auf Augenhöhe zu sprechen
• Bedürfnisorientiert zu handeln
• Respekt und würdevoller Austausch
• Manchmal – wenn nicht sogar oft – ist Reden Gold und Schweigen Silber
• Schlechte Prägungen erkennen und überwinden
• Über Gefühle reden
• Festlegungen erkennen
(Glaubenssätze in unserer Haltung, welche die Beziehungsfähigkeit stören, Anm. Casa Immanuel)
Warum habt ihr euch diesen Prozessen gestellt? Es wäre ja vermutlich einfacher gewesen, die Beziehung ganz aufzulösen.
K & H: Das wäre vielleicht einfacher gewesen. Aber wir waren uns bewusst, dass wir unsere Wunden und Verletzungen so oder so aufarbeiten mussten, auch in einer möglichen neuen Beziehung. Wir sind dankbar, dass wir beide offen genug waren, die Aufarbeitung in unserer Ehe zu versuchen und dem Eheversprechen, das wir uns vor zehn Jahren gegeben haben, noch eine Chance zu geben.
Der Prozess hat sich sehr gelohnt, da wir nicht nur in der Ehe Heilung erfahren haben, sondern auch jeder persönlich in seinem Herzen. Die bewusste Pflege der Ehe ist ein lebenslanger Prozess.
Was würdet ihr anderen Paaren gerne mitgeben?
K & H: Wenn beide Ehepartner ihre Identität kennen und schlechte Prägungen erkennen und bearbeiten, gibt es für jede Ehe Hoffnung. Der gemeinsame Glaube ist eine gute Basis, und mit Gott Vater ist alles möglich!
Wir denken: Jede Ehe kann gerettet werden, wenn beide es wollen und aktiv ihren Teil dazu beitragen. Wünsche aussprechen, Erwartungen loslassen. Dem Partner mit einer würdevollen Haltung begegnen.
Es braucht professionelle Begleitung! Für jeden einzeln, wie auch eine Paarberatung. Der Heilungsprozess nach einem Zerbruch dauert lange, gefühlt sehr lange. Aber es lohnt sich!
Die Fragen stellte Claudio Bezzola