Stiftung Casa Immanuel - erfüllt Beziehung leben.

Mal ehrlich, wie geht es dir, Benjamin?

Benjamin Eugster wohnt seit 2019 in der WG der Casa Immanuel. Seit 2024 arbeitet er in der Facility, in der Pflege und im Unterhalt von Haus, Garten und Technik. Diesen Herbst wurde er angefragt, während der Abwesenheit von Reto, der die Facility leitet, die Stellvertretung zu übernehmen.

Wie ist es dir dabei gegangen, als du angefragt wurdest, die Stellvertretung zu übernehmen?

Es war nicht das erste Mal: Schon im letzten Sommer durfte ich diese Position für eine kürzere Zeit übernehmen. Damals habe ich gemerkt, dass mir diese Aufgabe Freude bereitet. Natürlich war es auch herausfordernd, aber insgesamt habe ich die Zeit positiv erlebt.

Als dann die Anfrage kam, für ganze sechs Wochen einzuspringen, freute ich mich darauf, diese Herausforderung anzunehmen. Neben der Freude waren auch «mulmige» Gefühle da, aber das Positive hat überwogen.
Hilfreich war sicher, dass ich die Aufgabe schon einmal kurz gemacht und gut erlebt hatte. Das hat die Entscheidung leichter gemacht – auch wenn ich sie mit Respekt angenommen habe.

Du hast bewusst entschieden diese Herausforderung anzunehmen. Hat sich der Mut gelohnt?

Ich merke schon seit einiger Zeit, dass ich mit Herausforderungen besser umgehen kann. Früher fühlte sich vieles wie ein riesiger Berg an. Heute sehe ich mehr die Chancen, mich weiterzuentwickeln und daran zu wachsen. Ich kann neue Erfahrungen sammeln und bekomme dadurch einen neuen Blick aufs Leben, eine Perspektive, die mich antreibt, solche Chancen zu erkennen und zu nutzen.

Herausfordernd sind nach wie vor meine hohen Ansprüche an mich selbst. Ich erwarte von mir, dass ich selbst Neues sofort perfekt beherrschen muss. Diese Zeit war ein gutes Übungsfeld, um das zu erkennen und bewusst loszulassen. Ich gebe, was ich habe, ich mache, was ich kann und das genügt.

Während dieser Wochen hat sich das bestätigt. Ich konnte gewisse Denkweisen erkennen und Schritt für Schritt anders damit umgehen. Dadurch kamen immer mehr Ruhe und Freude hinein. Diese Erfahrung bleibt mir als etwas sehr wertvolles in Erinnerung. Denn sie berührt einen tiefen Wunsch in mir: Ich möchte an Profil gewinnen, ich möchte Leben zurückgewinnen. Das Gefühl von Freude an Verantwortung und Abenteuerlust habe ich früher selten erlebt, diesmal durfte ich es wirklich spüren, nicht nur im Kopf wissen.

War das jetzt ein einmaliges Erleben, oder hast du da eine neue Lebensweise entdeckt, die du aktiv im Alltag umsetzen möchtest?

Ich habe damit eine neue Erfahrung gemacht, die sich stimmig anfühlt, ich spüre, dass es ein Teil von mir ist, der Freude an solchen Aufgaben hat. Und ich möchte mehr davon. Für mich hat sich eine Tür geöffnet und ich möchte daran bleiben und weiter Leben gewinnen.

Jetzt ist Reto zurück und hat die Führung der Facility wieder übernommen. Wie geht es dir damit?

Ich sehe die Arbeit nun mit einem neuen Blick und nehme mehr wahr, verstehe Zusammenhänge anders oder neu und sehe die verschiedenen Aufgaben ganzheitlicher. Es fallen mir mehr Dinge auf, und ich merke den Wunsch, mehr Einfluss zu nehmen und meine Impulse einzubringen. Ich habe auch mehr Mut, diese auszusprechen.

Vielleicht sehe ich gewisse Dinge aus einer anderen Perspektive – und merke, dass es einen Unterschied macht, wenn ich meine Sicht einbringe.

Fällt es dir dadurch auch leichter, mehr Verantwortung zu übernehmen?

Ja, durch diese Erfahrung gebe ich mehr von mir hinein und übernehme mehr Verantwortung. Vorher hätte ich mir das vielleicht gar nicht zugetraut oder war mir nicht bewusst, dass meine Sichtweise wertvoll ist. Meine Impulse sind nicht weniger wert, nur weil ich weniger Erfahrung habe. Sie sind eine Ergänzung fürs Team.

Wie geht es dir, abgesehen von der Arbeit, ganz persönlich?

Über die vergangenen Jahre habe ich eine Veränderung festgestellt. Ich habe einen neuen Blick aufs Leben bekommen und lerne, Herausforderungen anzunehmen und als Chance für persönliches Wachstum zu sehen.  Aufgaben gehe ich anders an, von denen ich vor einiger Zeit dachte, dass ich sie nicht schaffen würde.
Ich mache mir heute Gedanken über Dinge, die ich früher nicht gewagt hätte, auszuprobieren. Zwar fällt es mir noch immer leichter, zu sehen, was ich nicht kann oder was mir nicht gelingt – statt das, was ich bereits kann oder was ich mir wünsche. Dadurch, dass ich Herausforderungen mit mehr Leichtigkeit angehe, die ich mir früher nicht zugetraut hätte, merke ich aber: Da muss was gegangen sein.

Vielen Dank Benjamin für das ehrliche und offene Gespräch.

Das Interview führte Philipp Schwegler